Eine Dienstreise mit Folgen

Es war der 20. September 2018, an dem ich mich bereits gegen 5.00 Uhr auf den Weg gemachte hatte. Mein Ziel war ein Kunde in Bayern. Vor dem Heimweg vom Kunden verständigte ich noch meine liebe, goldene Gattin Dorothea, um meine Rückkunft anzukündigen.

Mit meiner goldenen Gattin Dorothea

Leider war alles anders gekommen als geplant. Dieses Ereignis passierte am frühen Nachmittag, das mich auf der deutschen  Autobahn A3 zum Stillstand brachte. Mein Firmenauto stieß mit einem LKW zusammen und es kam zu einem Totalschaden.

Irgendwo muss mein Kopf noch den nötigen Platz gefunden haben, um nicht gänzlich zerdrückt zu werden. So heimste ich mir schwere Kopfverletzungen mit Gehirnblutung, Knochenbrüchen sowie Trauma an der Schulter und im Nacken ein. Da die Atmung zu wünschen übrig ließ, wurde ich umgehend in den Tiefschlaf versetzt und per Helikopter ins Klinikum Passau (D) geflogen.

Es folgten sechs Tage auf der Intensivstation, ehe ich auf die Normalstation verlegt wurde. Noch immer wurde ich künstlich ernährt. Es folgten zwei Operationen, einmal um das Gesicht mittels Plattierung zusammenzubauen und um den Kiefer zu stabilisieren. Dabei mussten auf Grund zu starker Beschädigung auch Knochenteile entfernt werden. Es wurde auch das linke Augenbecken neu geformt und so manche Stelle neu zementiert. Auch die Nase wurde am richtigen Ort wieder eingesetzt. So kann ich nur den operierenden Arzt zitieren, der von meinen Splitterbrüchen im Gesicht, über die Stirne bis zum Schädeldach sprach. Die zweite OP war die Öffnung des Schädeldaches, um das vom Gesichtsschädel abgerissene Mittelgesicht wieder an besagtem zu befestigen. Lange konnte ich nicht sehen. Monate später dann Schatten und Umrisse wahrnehmen.

Es sollten Jahre folgen, wo ich Doppelbilder wahrgenommen hatte. Alleine fortbewegen ging über Monate hinweg überhaupt nicht, dann mit Rollator und später führte mich Dorothea.

Die Entlassung aus dem Klinikum war eine sehr spannende Vorgangsweise und völlig anders verlaufen, als dies sein sollte. Ich erhielt leider keinerlei Übergangsbetreuung. So war ich als Österreicher im Ausland wahrscheinlich sprichwörtlich durch den Rost gefallen und verbrachte die nächste Zeit zu Hause liegend und wartete tagtäglich bis Dorothea von der Arbeit nach Hause kam, damit ich endlich Flüssigkeit zu mir nehmen und die Notdurft verrichten konnte. Das Essen wurde püriert und zusätzlich noch mit Milch aufgegossen, damit ich irgendetwas zu mir nehmen konnte.

Nach drei Monaten war Weihnachten und ich konnte zum ersten Mal mit einem Strohhalm trinken. Da es mir aber noch nicht viel besser ging, musste ich im Klinikum Wels vorstellig werden, wo der Schreck des Grauens über mich hereinfiel. So wurden mir in der Kieferambulanz die unterstützenden Spangen förmlich rausgerissen. Ich schmeckte immer nur das Blut, das mir aus dem Mund gelaufen war. Dann ging es weiter in die Augenambulanz, wo ich nach anfänglicher Ablehnung doch noch vom ärztlichen Leiter der Abteilung empfangen wurde. Ein Blick auf mein Geburtsdatum, ich war gerade 45 Jahre alt, war für ihn der Hinweis auf seine Diagnose: „Willkommen im Club! In ihrem Alter benötigen viele eine Brille“.

All das war für mich eindeutig zu viel. Es wurden Grenzen weit überschritten. Auf meinem Wunsch erhielt ich alle weiteren Untersuchungen im Uniklinikum Innsbruck, die mit Passau zusammen-arbeiten. Die Betreuung war vorbildlich, überaus nett und auch kompetent ebenso in der Sehschule und Augenambulanz. Das gab mir Zuversicht. Noch heute, vier Jahre nach meinem Unfall leide ich unter vielerlei Einflüssen. So hatte ich bereits zwei Mal versucht, wieder meinen vorherigen Job aufzunehmen. Jedoch ist dies, beide Male geplatzt, da die Belastbarkeit nach wie vor nur äußerst gering ist.

Die Folgen der Anstrengung und Überlastung führen zu Ohnmachtszuständen, die anfallsartig daherkommen. In meinen Therapien lerne ich diese Anfälle im Vorfeld zu erkennen und so zu vermeiden. Nach wie vor begleiten mich die Psycho-, Physio-, Cranio Sacrale-, Jin Shin Jyutsu-, Floating-, Musik- und Blumentherapie sowie  Energetik, Entspannungstraining und Homöopathie. Neu ist noch die Aromatherapie, die von meinen Ärzten empfohlen wird.

Jetzt bin ich in Berufsunfähigkeitspension, benötige eine persönliche Pflegekraft und hoffe noch immer, irgendwann meinen Kopf wieder gänzlich aufrecht tragen zu können. Ohne meine Dorothea und meinem Kampfgeist wäre ich erst gar nicht so weit gekommen. Mein Tipp an Betroffene ist: nie locker zu lassen, alles versuchen, einmal, zweimal oder öfter, denn nur so kommt man weiter, auch wenn es nur kleine Schritte sind. Große Schritte, das habe ich durch Achtsamkeit lernen müssen, sind ohnehin kontraproduktiv.

Wolfgang H. Mehlig, St. Konrad (OÖ)

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