Lehre über SHT

Wer kennt sie nicht?       OÄ Dr. Monika Murg-Argeny, Neurologin im RZ Wien-Meidling betreut seit nun schon über 20 Jahren Schädel-Hirn-Trauma-Patientinnen und -Patienten aus ganz Österreich. Mit ihrer Erfahrung konnte schon vielen Menschen geholfen werden.

OÄ Dr. Monika Murg-Argeny

Frage: Ist es nach einem Schädel-Hirn-Trauma schwierig in das gewohnte Leben zurückzufinden? Vor welchen Herausforderungen stehen die Betroffenen?

OÄ Dr. Monika Murg-Argeny: Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) passiert meist am Anfang oder mitten in einem Erwachsenenleben, was unterschiedliche Einschränkungen zur Folge haben kann. Dazu gehören Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Beeinträchtigungen der Merkfähigkeit bis hin zum Verlust von Motorik (Bewegung, Anm. d. Red.) und Bewusstseinsfunktionen. In den meisten Fällen kommt es zu unterschiedlichen Verhaltensstörungen und Zuspitzungen von Persönlichkeitsmerkmalen, wodurch das soziale Miteinander gestört werden kann. Oft ist das Aussehen durch das veränderte Bewegungsbild aber auch durch die Narben am Kopf mehr oder weniger entstellt.

In einer Welt, wo Funktionstüchtigkeit und der Anspruch auf Perfektion so großgeschrieben wird, ist es unheimlich schwer in das „vorherige Leben“ zurückzukehren. Es wird immer ein „Vor“ und ein „Nach“ dem Unfall geben. Ein Wiedereintritt in das Berufsleben ist meistens nur mit Teilzeit oder Umschulung auf ein geringeres Niveau möglich. Sehr selten tritt der glückliche Umstand ein, dass Menschen nach SHT an ihren früheren Arbeitsplatz zurückfinden. Damit verbunden ist die Herabstufung des sozialen Status, wodurch die meisten von Sozialleistungen abhängig werden.

Schwierig gestalten sich aufgrund der Veränderungen des Sozialverhaltens das Bestehen von Partnerschaften, familiäre Beziehungen und sozialen Kontakten. Oft gehen Partnerschaften auseinander, der Freundeskreis verkleinert sich und die sozialen Kontakte über die berufliche Tätigkeit fallen oft weg. Meist bleibt letztendlich nur die Kernfamilie über.

Umso wichtiger ist es, dass Menschen nach einem SHT Institutionen vorfinden, wo gezielte Hilfe und Therapie angeboten werden kann. Anlaufstellen, wie Selbsthilfegruppen, wo ein hilfreicher Austausch zwischen Betroffenen und Gleichgesinnten stattfinden kann, sind unersetzlich. Dort kann auch eine Lobby entstehen, um auf politischer Ebene Versorgungsverbesserungen zu erwirken.

 

Frage: Welche Rolle spielen Angehörige dabei?

Dr. Murg-Argeny: Angehörige sind durch den Unfall mindestens ebenso betroffen und spielen im Leben nach dem SHT eine tragende Rolle. Oft müssen Menschen nach dem Unfall vertreten und gepflegt werden. Immer wieder sind es die Eltern, Partner oder erwachsene Kinder, die die Verantwortung übernehmen, die alltäglichen Entscheidungen treffen, den riesigen bürokratischen Aufwand um die Versorgung zu sichern, bewältigen. Meistens bringen sie sich auch noch in die Pflege ein oder übernehmen sie sogar vollständig. Hauptsächlich Partnerinnen oder Mütter übernehmen die vollständige Betreuung, die trotz aller Liebe sehr fordernd und konsumierend ist. Zur Vermeidung von Burnout sollte doch auch professionelle oder psychotherapeutische Begleitung in Anspruch genommen werden und auf einen Ausgleich wie Sport, Kultur etc. und vor allem auf das Pflegen von Freundschaften geachtet werden. Der familiäre und freundschaftliche Zusammenhalt wird wichtiger denn je, aber die Herstellung oder Erhaltung dieses Zusammenhaltes ist oft sehr schwer und herausfordernd.

 

Frage: Können wir von Menschen, die ein SHT erlitten haben, etwas lernen?

Dr. Murg-Argeny: Auf jedem Fall! Zum einen lernt man, dass die körperliche und geistige Gesundheit das höchste Gut ist, das man hat. Man wird gegenüber kleinen Problemen gelassener und für jede Freude dankbarer. Was es bedeutet ein SHT zu erleiden und den Weg zurück in eine „Normalität“ zu finden, das kann man aus Büchern nicht lernen. Sondern das lehren uns im Rehabilitationszentrum die uns anvertrauten Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen.

Die Wendeltreppe im RZ Wien-Meidling

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